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Catullus, Gaius Valerius: Carmen LXXII
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Fachbereich: |
Latein
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Woerter |
3200
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Kurzbeschreibung |
C. Valerii Catulli carmen LXXII ( unter spezieller Berücksichtigung von carmen VIII und carmen LXXXV) Inhaltsverzeichnis I. Einleitung Die Auswahl der Gedichte, die ...
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Catullus, Gaius Valerius: Carmen LXXII
C. Valerii Catulli carmenLXXII
( unter spezieller Berücksichtigungvon carmen VIII und carmenLXXXV)
Inhaltsverzeichnis
I. EinleitungDie Auswahl der Gedichte, die mit carmen LXXII in Zusammenhang stehen, isteine zugleich leichte und doch schwierige Aufgabe. Da fast alle Gedichte Catullsvon seiner Beziehung zu Lesbia, viele vom Ende der Beziehung handeln, lassensich ebenso viele mit dem Gedicht LXXII in Zusammenhang bringen. Als Beispieleseien hier nur die carmina LI, LXXV und LXXVI genannt. Mir erschienen dieGedichte VIII und LXXXV angemessen, da sie meiner Meinung nachden Wandelinnerhalb der Gefühle Catulls zu Lesbia deutlich darstellen. Diesen Wandeldarzustellen und zu untersuchen, soll insbesondere im letzten Abschnitt, demVergleich der drei Gedichte, Ziel dieser Arbeit sein. Besonders will ich dascarmen LXXII in den Vordergrund stellen, da ich denke, daß es denentscheidenden Punkt innerhalb dieser Entwicklung markiert. Eine nähere Betrachtung des Synonyms Lesbia und der Frage, welcheGedichte auf Lesbia bezogen sind, soll hier nicht erfolgen. In den dreivorliegenden Gedichten gehe ich aufgrund der bewegten und bewegenden SchilderungCatulls, wie auch die Sekundärliteratur allgemein, davon aus, daßLesbia angesprochen ist.
II. Das carmen LXXIICarmen LXXII, das mit zu den Abschiedsgedichten Catulls gezählt wird,drückt den Gefühlskonflikt aus, in dem sich Catull befindet. So istauch das Gedicht voller Widersprüche: Catull unterscheidet zwischendicebas und dilexi, also der bloßen Beteuerung und demwirklichen Gefühl, zwischen tenere und dilexi, demkörperlichen und dem emotionellen Aspekt der Liebe, zwischen urorund es vilior, der Leidenschaft und der Vernunft, zwischen amareund bene velle,der Liebe und der Hochachtung. Diese Gegensätzewerden schon zu Anfang des Gedichts deutlich, das zweite Wort quondamweist schon das Thema des Gedichtes aus, wobei dieses quondam nichtdirekt als “einst”, also als ein Hinweis auf ein weitin derVergangenheit liegendes Ereignis, zu verstehen ist, sondern vielmehr diedeutliche Trennung zwischen dem, was gewesen ist, und dem, was Catull nunschmerzlich erfahren muß, symbolisieren soll. Das dem so ist, wird inZeile 5 durch das nunc te cognovi deutlich. Durch diesen Ausdruck wirdklar, daß es Catull nicht nur auf die Beteuerungen Lesbias ankommt,sondern vor allem auf seine damit verbundenen Gefühle. Zu sehen ist dies auch in dem dilexi, wobei Catull selber dieserAusdruck nicht exakt genug ist. Dies ist insbesondere im damaligen Zusammenhangzu verstehen, daß der romantische Aspekt der Liebe nicht in dem Maßebetont wurde, wie in der heutigen Zeit, in der das Wort “lieben” denemotionellen Gesichtspunkt sehr viel stärker beinhaltet. Die antiken Leserkonnten den Text und die Probleme Catulls somit nicht ausreichend verstehen.“Am Ende erweist sich der Ausdruck als Mißgriff. Es stand kaum zuerwarten, daß Catulls Zeitgenossen die richtigen Gedankenverbindungenherstellen würden. ... Man darf füglich daran zweifeln, daßCatull verstanden wurde - vielleicht deshalb, weil er selbst seine eigenenGefühle nicht klar verstand.”[1]. Soist auch die folgende Erklärungzu verstehen, in der Catull dieses dilexinäher beschreibt, er würde Lesbia nicht nur wie der vulguslieben, sondern wie ein Vater seinen Sohn oder seinen Schwiegersohn. Bei derÜbersetzung von vulgus tritt ein besonderes Problem auf. Eisenhutübersetzt es mit Pöbel, “Damals liebte ich dich, nicht so wieder Pöbel ein Liebchen ...”[2]. DiesesWort ist in der heutigen Zeit mit Herablassung behaftet, Catull geht es jedochdarum, seine Liebe klarer darzustellen, ohne die Liebe der anderen abzuwerten.Passend empfinde ich dagegen die Übersetzung von amica mit“Liebchen”, da es den Unterschied zwischen Catulls tiefer,inzwischen leidender, Liebe zu der allgemeinen, doch eher oberflächlichenLiebe gut ausdrückt. Besonderes Augenmerk verdient auch die Beschreibung des dilexi als einerLiebe wie der eines Vaters zum Sohn oder eines Vaters zum Schwiegersohn, wobeiich besonders letzteres hervorheben möchte. Meiner Meinung nach irrt Kroll,wenn er vermutet, daß Catull “ohne Verszwang wohl nur die Kindererwähnt hätte”[3]. Vielmehrvermute ich, daß Catull seine Liebe auf eine vollkommen emotionale Stufestellen wollte, er wollte sie von jeglichem physischen Aspekt lösen. Undwährend die Liebe des Vaters zu seinem Sohn ja noch durch dieBlutsverwandtschaft erklärt ist, kann der Liebe zum Schwiegersohn wohl kaumein körperlicher Aspekt zugesprochen werden. Die Vermutung, Catull habe esquasi als Lückenfüller eingesetzt, halte ich für unhaltbar, dadie Gedichte Catulls überflüssiges Schmuckwerk nicht enthalten undstets eine sehr genaue und einerseits emotionelle, andererseits doch immer auchüberlegte Darstellung seiner Gefühlesind. Wie schon erwähnt, wird der scharfe Gegensatz zwischen demquondam und dem nunc te cognovi in Zeile 5 deutlich. Gerade dieKürze dieser Einleitung zeigt die extreme Gefühlslage Catulls.Verbittert und ernüchtert erkennt er, wiesehr er sich in LesbiasGefühlen geirrt hat. Auch der Chiasmus zwischen dilexi tum undnunc cognovi drückt diese Erkenntnis deutlich aus. Und in dem gleichenMaße, wie in der ersten Hälfte des Gedichts der Unterschied zwischenLesbias und Catulls Gefühlen ausgedrückt wird, so zeigt sich in derzweiten Hälfte der Zwiespalt, in den Catull geraten ist. Dieser Zweispaltwird gleich durch impensius und vilior et levior angedeutet, bevorer zwei Zeilen später klar und deutlichdurch amare und benevelle das Gedicht zum Abschluß bringt. Die Gegenüberstellung vonzwei Begriffen gegen impensius ist durchaus gewollt undaussagekräftig. Impensius mag gewöhnlich mit “ingrößerem Maße” übersetzt werden, hat jedoch einezweifache Bedeutung, einerseits “schwerer”, andererseits “mitgrößeren Kosten, teurer”. Und genau diesen beiden Aspektenentsprechen levior (leichter) und vilior (billiger).“Vilioret levior ist dann nicht etwa ein vager Ausdruck derMißbilligung ..., sondern eine genaue, wenn auch paradoxe, Paraphrase zuimpensius”[4]. Diese erste Darstellung jedoch muß den Leser eher verwirren, alsdaß sie ihm Klarheit verschafft. Was meint Catull damit, daß ereinerseits entflammt ist, andererseits aber Lesbia ihm weniger bedeutet? Wiekann dieser Widerspruch erklärt werden? Qui potis es? (Die femininebzw. maskuline Form von potis muß uns hier nicht weiterverwundern, Catullbenutzt wohl aus metrischen Gründen eine alte Neutrum-Form, die auf dieDauer durch Entfallen des s und Wandel des i zu pote wurde.) Catull nimmt dieseFrage auf, wobei er die Frage scheinbar Lesbia stellt, zu der er ja die ganzeZeitspricht. Es darf allerdings angenommen werden, daß er die Frage auchsich selber stellt, und auch die folgende Erklärung liefert zwar einenersten Schritt zur Antwort, doch vollständig kann Catull es weder sich nochseinem Leser erklären. Er fühlt nur, daß diese iniuriaihn zu solch gemischten Gefühlen zwingt. Auch am Ende des Gedichts tauchtwieder der Unterschied zwischen der leidenschaftlichen, jedoch physischen Liebeund der emotionalen Zuneigung auf, wie schon zu Anfang des Gedichts derUnterschied durch tenere und dilexi, so wird dieser Konflikt nunnoch einmal durch amare und bene velle dargestellt. “DieFlamme der Leidenschaft, die die physische Seite seiner Liebe ausmacht, istimmer heißer geworden, während seine geistige Achtung, dienicht-physische Seite, tiefer und tiefer gesunkenist.”[5]. Somit bringt Catull am Endeseines Gedichtes seine Gedanken noch einmal klar zum Ausdruck, während erzugleich das Leiden, das damit verbunden ist, dem Leser deutlich vor Augenführt. Die iniuria zwingt ihn, so zu fühlen, ohne daß ersich dagegen wehren kann. So wie Catull das Gedicht angefangen hat, indem er aufdie frühere schöne Zeit verweist, so beendet er das Gedicht mit demnegativen bene velle minus, das noch einmal die Folgen des dicebasund der damit verbundenen Heuchelei herausstellt. Zuletzt zeigt dieHäufung der Komparative, von impensius über vilior,levior und magis bis zu minus, einerseits den Unterschied zumersten Teil, doch noch viel mehr die Emotionen Catulls. “Auch dieHäufung der Komparative schließlich verrät, wie sehr der DichterAusgewogenheit und Maß im Jetzt verloren hat; denn der Bezugspunkt, derPositiv all der Steigerungen ... liegt nicht in der zweiten Hälfte, sondernin dem entschwundenen glücklichen Einst der erstenHälfte.”[6]
III. Die carmina VIII und LXXXV
1. Das carmen VIIIIm carmen VIII schreibt Catull über das Endeseiner Beziehung zuLesbia, die allerdings auch in diesem Gedicht nicht namentlich erwähntwird. Auch hier ist seine geteilte Gefühlslage zu erkennen. Catull sprichtzu sich selbst, er solle aufhören, an Lesbia zu denken, sie sei fürihn verloren. Mit Wehmut erinnert er sich an die Zeit, als er mit Lesbia Scherzetrieb, eine Zeit, in der ihm soles candidi fulserunt.Doch wie auch derTag mit seinem Sonnenschein vergehen muß, so mußte auch die Liebevergehen. Wie schon in carmen LXXII, so ist auch hier wieder eine klare Trennungzu sehen. In den ersten acht Zeilen beschreibt Catull die schöne Zeit, umdann wiederum, man vergleiche carmen LXXII, mit einer kurzen, prägnantenEinleitung - nunciam illa non volt - im zweiten Teil die Gegenwartdarzustellen. Er spricht sich selbst an, er solle doch diese Gedanken vergessen,nun solle auch er nicht wollen. Er solle standhaft sein, obdurare, das inder letzten Zeile als Quintessenz des Gedichts nochmals wiederholtwird. Um dieses obdura nun gleich zu befolgen, sagt er Lebewohl. Daßdieses Lebewohl aber doch kein Abschied ist, daß Catull immer nochemotionell viel zu sehr berührt ist, zeigen die anschließendenZeilen, in denen erdarstellt, wie sehr doch das Ende der Beziehung auch Lesbiaschmerzen muß. So fragt er, welches Leben ihr denn noch bleibt ohne ihn,wer ihr all die Vorteile bieten kann, die er ihr geboten hat. In den folgendenFragen zeigt Catull gleich, was die Liebe zwischen ihm und Lesbia ausgezeichnethat: Die Bewunderung Catulls - cui videberis bella, die gegenseitigeZuneigung - quem amabis, cuius esse diceris, aber auch diekörperliche Zuneigung - quem basiabis, cui labella mordebis. Abschließend wiederholt er die an sich gerichtete Aufforderung, ersolle standhaft bleiben, womit er die Aussage des Gedichtes gleich in doppelterHinsicht zusammenfaßt - die Notwendigkeit aber auch die Schwierigkeit,standhaft zu bleiben. Über die Intentiondes Gedichtes gibt es drei verschiedeneAnsätze : Eine Deutung als ernstes Gedicht, eine als komisches Gedicht undeine, die es sowohl komische als auch ernste Aspekte erkennt. Für einenicht vollkommen ernste Deutung spricht außer dem bloßen Vergleichmit anderen Gedichten, besonders den beiden hier behandelten, das Versmaß,ein Choliambus, auch Hinkiambus genannt. “Auch dem Metrum kommt dieseDeutung entgegen, denn der Hinkiambus gerät durch sie wieder in einegewisse Nähe zu seiner alten Spott- und Schimpftradition, währendfür die Vertreter der ausschließlich ernsten Auffassung seine‘Anwendung auf einen solchen Stoff der Tradition zuwiderlief(Kroll)”[7] Gerade den Hinkiambus siehtTyrrellin einer ganz anderen Funktion: “(Catull) läßt inflammenden Hinkiamben, die wie Würfe einer Handvoll Erde auf einen Sargklingen, seiner seelischen Todesqual freienLauf.”[8] Doch die Art, in der Catull sichselbst anredet, das inpotens, die Schilderung der Scherze, die er einstmachte, das mordere labella, all dies deutet auf einen scherzhaftenCharakter des Gedichts hin. Auf der anderen Seite sind die Vorwürfe anLesbia, insbesondere die Anrede als scelesta, durchaus ernst. Insofernsind wohl die beiden extremen Deutungen nicht zu halten, es ist wohl einscherzhaftes Gedicht, das aber einen von Catull durchaus als ernst empfundenenHintergrund hat. Das scherzhafte Umgehen mit dem ernsten Thema, läßt vermuten,daß das Gedicht aus einer Phase stammt, in der Catull entweder das Endeder Beziehung noch nicht als endgültig ansieht, oder den Verlust als nichtallzu schlimm bewertet. Ebenso spricht die Tatsache, daß Catull einenNebenbuhler mit keinem Wort erwähnt, sondern sogar Lesbia prophezeit, siewürde nun keinen anderen finden - quem nunc amabis, cuius essediceris ? - dafür, daß das Gedicht aus einer Phase stammt, in derCatull entweder noch keinen Nebenbuhler hatte oder noch nichtsvon ihmwußte. Die Annahme, Catull wußte schon etwas von einem Nebenbuhler,ließe ihn hier aber unerwähnt, halte ich für nicht haltbar,insbesondere, wenn man bedenkt, daß die Anklage und Verhöhnung seinerNebenbuhler ein wichtiges Thema seiner Gedichte sind. Beide Punkte sprechen alsofür eine relativ frühe Entstehung des Gedichts.
2. Das carmen LXXXVEine passende Übersetzung des wohl berühmtesten Gedichts Catullsins Deutsche wurde vonvielen Dichtern und Philologen versucht, unter ihnen sobekannte wie Mörike, Weinreich, und Vulpius. Doch stets zeigt sich,daß die kurze und prägnante Form des Originals im Deutschen beiBeibehaltung des Versmaßes nicht beizubehaltenist. Schon der Anfang des Gedichts birgt für die Übersetzer einProblem : Das lateinische odi et amo ist im Deutschen kaum wiederzugeben.Abgesehen von der Tatsache, daß die deutsche Übersetzung mit“ich” anfangen müßte und damit nicht in den Hexameterpassen würde, ist schon eine kurze, aber adäquate Übersetzung desodi nicht möglich. Viele Übersetzer haben dafür hassengewählt, jedoch gibt diese Übersetzung nicht die genaueAussageCatulls wieder. Hier irrt meiner Meinung nach Ellis, wenn er sagt: “ThisEpigram is a brief but pointed expression of the connexion between violent loveand violent hate.”[9]. Dieses odiist wohl als Gegensatz zu bene velle zu verstehen,nicht als Gegensatz zuamare, da Catull ja selber die beiden Gefühle auf eine Stufe stellt.Es ist ihm möglich, gleichzeitig amor und odium zu empfinden, währender, aufgrund seines odiums, nicht mehr bene velle potest. “Es istdeshalb nicht das Gegenteil von amare, was für Catull sinnliches Verlangenausdrückt, sondern von bene velle und dessen Synonymen, mit denen er dasWesen der nicht-physischen Seite seiner Liebe zu umschreibenversuchte.”[10] Eine passendeÜbersetzung zu odi ist schwer zu finden, zumal Catull selbstProbleme hat, diesen Zustand begreiflich zu machen. Die Unbegreiflichkeit dieser beiden Gefühle drückt sich dann auchwieder in der folgenden Frage aus : quare id faciam fortasse requiris?Diese Frage ist nicht nur an den Leser gestellt, Catull stellt sie sich selber.Hier stimme ich weniger mit Syndikus überein: “Das Du, das derDichter hier einführt, ist der normale Zeitgenosse, der vom Standpunkt des‘gesunden Menschenverstandes’ aus urteilt und angesichts derseltsamen Aussage Catulls nur den Kopf schüttelnkann.”[11]. Das Du nimmt hier eben beidePositionen an: Die des normalen Zeitgenossen, aber auch die des Catull im Dialogmit sich selbst. Nicht nur der normale Zeitgenosse, dem, wie schon obenerwähnt, eine solche romantische Empfindung von Liebe weitgehendst fremdwar, konnte diese nicht verstehen, sondern auch Catull steht diesemPhänomen ratlos gegenüber. So ist das Gedicht nicht als eineSchilderung an einen Unbeteiligten zu verstehen, Catull setzt sich hier nochmalsmit seinem Problem auseinander, sein Streben nach Selbstinformation istunverkennbar. “Wenn er nicht seine Mitmenschen verachtet, wird er ihnennicht das Vergnügen versagen zu lesen, was er geschrieben hat, währender von der Muse inspiriert wurde, nachdem es einmal dem Zweck derSelbstinformation gedient hat.”[12] DieseSelbstinformation besteht allerdings allein in der klaren Darstellung desProblems, eine Lösung kann Catull nicht finden. So ist auch die, erst recht in Anbetracht der langen Frage, kurze Antwortzu verstehen: nescio ist der Ausdruck der Ratlosigkeit Catulls. DieseFrage ist wie “ein ermattendes Zurücksinken des Tons, ein Ritardandoausgeprägtester Art, das den Eintritt des neuen, qualvollen Ausrufs:‘nescio’ wirkungsvoll kontrastierendvorbereitet.”[13] Und auch die folgendenWorte sind kein Versuch einer Erklärung, sondern beschreiben nur denSeelenzustand noch einmal genauer. Im fieri der zweiten Zeile benutzt Catull sehr geschickt dasfacere aus der ersten Zeile und zeigt durch den Wechsel vom Aktiv insPassiv an, daß nicht er der Handelnde ist. Der Leser mag zu Anfang desGedichts noch den Eindruck gehabt haben, daß Catull der Handelnde ist,doch nun begreift er, daß Catull gegen diesen Gefühlskonflikt keineHandhabe hat, er hat ihn nicht gewollt. “Nicht er handelt, sondern etwasgeschieht mit ihm.”[14] Hier nun begegnet dem Übersetzer wieder ein neues Problem. Diewortverwandte, aber doch sinnumkehrende Wendung facere-fieri ist imDeutschen kaum nachzubilden. Dem Original sehr nahe, jedoch im Deutschen etwasgezwungen, ist die Übersetzung von Norden : “Du fragst wohl, warumich’s so treibe. Weiß nicht. Daß es micht treibt, fühlich und martre mich ab.” Hier ist die unterschwellige Aussage Catulls sehrgut wiedergegeben. So, wie der Grund gleich zu Anfang des Gedichts genannt wird, so wird dieFolge am Ende aufgeführt. Mit dem hart klingenden, die seelischen Leidenvergegenwärtigenden excrucior wird dem Leser noch ein letztes Maldie prekäre Situation Catulls klargemacht. Catull hat es mit seinem carmen LXXXVverstanden, eine komplizierte undschwer zu durchschauende Gefühlslage innerhalb von nur zwei Zeilen miteiner kaum zu überbietenden Klarheit auszudrücken. Hierbei nutzt erin hervorragendem Maße die Möglichkeit, mittels der lateinischenSprache Zusammenhänge kurz und prägnant darzustellen.
IV. Vergleich der drei carminaDie Gedichte zeitlich in eine Reihenfolge zu stellen, ist kaummöglich, auch wenn Heinze vermutet: “Aus all diesen Gründendürfte c. 8 nicht der Zeit des Leids und der Trennung angehören,sondern einer früheren.”[15] . Solcheine Einordnung ist jedoch hier auch nicht nötig, viel mehr spiegeln dieGedichte eine Entwicklung in Catull und in seinen Gefühlen wieder. In carmen VIII ist Catull noch recht heiter und erkennt die Tragweite derBeziehung zu Lesbia noch nicht. Er prophezeit Lesbia, sie werde aufgrund de
C. Valerii Catulli carmenLXXII
( unter spezieller Berücksichtigungvon carmen VIII und carmenLXXXV)
Inhaltsverzeichnis
I. EinleitungDie Auswahl der Gedichte, die mit carmen LXXII in Zusammenhang stehen, isteine zugleich leichte und doch schwierige Aufgabe. Da fast alle Gedichte Catullsvon seiner Beziehung zu Lesbia, viele vom Ende der Beziehung handeln, lassensich ebenso viele mit dem Gedicht LXXII in Zusammenhang bringen. Als Beispieleseien hier nur die carmina LI, LXXV und LXXVI genannt. Mir erschienen dieGedichte VIII und LXXXV angemessen, da sie meiner Meinung nachden Wandelinnerhalb der Gefühle Catulls zu Lesbia deutlich darstellen. Diesen Wandeldarzustellen und zu untersuchen, soll insbesondere im letzten Abschnitt, demVergleich der drei Gedichte, Ziel dieser Arbeit sein. Besonders will ich dascarmen LXXII in den Vordergrund stellen, da ich denke, daß es denentscheidenden Punkt innerhalb dieser Entwicklung markiert. Eine nähere Betrachtung des Synonyms Lesbia und der Frage, welcheGedichte auf Lesbia bezogen sind, soll hier nicht erfolgen. In den dreivorliegenden Gedichten gehe ich aufgrund der bewegten und bewegenden SchilderungCatulls, wie auch die Sekundärliteratur allgemein, davon aus, daßLesbia angesprochen ist.
II. Das carmen LXXIICarmen LXXII, das mit zu den Abschiedsgedichten Catulls gezählt wird,drückt den Gefühlskonflikt aus, in dem sich Catull befindet. So istauch das Gedicht voller Widersprüche: Catull unterscheidet zwischendicebas und dilexi, also der bloßen Beteuerung und demwirklichen Gefühl, zwischen tenere und dilexi, demkörperlichen und dem emotionellen Aspekt der Liebe, zwischen urorund es vilior, der Leidenschaft und der Vernunft, zwischen amareund bene velle,der Liebe und der Hochachtung. Diese Gegensätzewerden schon zu Anfang des Gedichts deutlich, das zweite Wort quondamweist schon das Thema des Gedichtes aus, wobei dieses quondam nichtdirekt als “einst”, also als ein Hinweis auf ein weitin derVergangenheit liegendes Ereignis, zu verstehen ist, sondern vielmehr diedeutliche Trennung zwischen dem, was gewesen ist, und dem, was Catull nunschmerzlich erfahren muß, symbolisieren soll. Das dem so ist, wird inZeile 5 durch das nunc te cognovi deutlich. Durch diesen Ausdruck wirdklar, daß es Catull nicht nur auf die Beteuerungen Lesbias ankommt,sondern vor allem auf seine damit verbundenen Gefühle. Zu sehen ist dies auch in dem dilexi, wobei Catull selber dieserAusdruck nicht exakt genug ist. Dies ist insbesondere im damaligen Zusammenhangzu verstehen, daß der romantische Aspekt der Liebe nicht in dem Maßebetont wurde, wie in der heutigen Zeit, in der das Wort “lieben” denemotionellen Gesichtspunkt sehr viel stärker beinhaltet. Die antiken Leserkonnten den Text und die Probleme Catulls somit nicht ausreichend verstehen.“Am Ende erweist sich der Ausdruck als Mißgriff. Es stand kaum zuerwarten, daß Catulls Zeitgenossen die richtigen Gedankenverbindungenherstellen würden. ... Man darf füglich daran zweifeln, daßCatull verstanden wurde - vielleicht deshalb, weil er selbst seine eigenenGefühle nicht klar verstand.”[1]. Soist auch die folgende Erklärungzu verstehen, in der Catull dieses dilexinäher beschreibt, er würde Lesbia nicht nur wie der vulguslieben, sondern wie ein Vater seinen Sohn oder seinen Schwiegersohn. Bei derÜbersetzung von vulgus tritt ein besonderes Problem auf. Eisenhutübersetzt es mit Pöbel, “Damals liebte ich dich, nicht so wieder Pöbel ein Liebchen ...”[2]. DiesesWort ist in der heutigen Zeit mit Herablassung behaftet, Catull geht es jedochdarum, seine Liebe klarer darzustellen, ohne die Liebe der anderen abzuwerten.Passend empfinde ich dagegen die Übersetzung von amica mit“Liebchen”, da es den Unterschied zwischen Catulls tiefer,inzwischen leidender, Liebe zu der allgemeinen, doch eher oberflächlichenLiebe gut ausdrückt. Besonderes Augenmerk verdient auch die Beschreibung des dilexi als einerLiebe wie der eines Vaters zum Sohn oder eines Vaters zum Schwiegersohn, wobeiich besonders letzteres hervorheben möchte. Meiner Meinung nach irrt Kroll,wenn er vermutet, daß Catull “ohne Verszwang wohl nur die Kindererwähnt hätte”[3]. Vielmehrvermute ich, daß Catull seine Liebe auf eine vollkommen emotionale Stufestellen wollte, er wollte sie von jeglichem physischen Aspekt lösen. Undwährend die Liebe des Vaters zu seinem Sohn ja noch durch dieBlutsverwandtschaft erklärt ist, kann der Liebe zum Schwiegersohn wohl kaumein körperlicher Aspekt zugesprochen werden. Die Vermutung, Catull habe esquasi als Lückenfüller eingesetzt, halte ich für unhaltbar, dadie Gedichte Catulls überflüssiges Schmuckwerk nicht enthalten undstets eine sehr genaue und einerseits emotionelle, andererseits doch immer auchüberlegte Darstellung seiner Gefühlesind. Wie schon erwähnt, wird der scharfe Gegensatz zwischen demquondam und dem nunc te cognovi in Zeile 5 deutlich. Gerade dieKürze dieser Einleitung zeigt die extreme Gefühlslage Catulls.Verbittert und ernüchtert erkennt er, wiesehr er sich in LesbiasGefühlen geirrt hat. Auch der Chiasmus zwischen dilexi tum undnunc cognovi drückt diese Erkenntnis deutlich aus. Und in dem gleichenMaße, wie in der ersten Hälfte des Gedichts der Unterschied zwischenLesbias und Catulls Gefühlen ausgedrückt wird, so zeigt sich in derzweiten Hälfte der Zwiespalt, in den Catull geraten ist. Dieser Zweispaltwird gleich durch impensius und vilior et levior angedeutet, bevorer zwei Zeilen später klar und deutlichdurch amare und benevelle das Gedicht zum Abschluß bringt. Die Gegenüberstellung vonzwei Begriffen gegen impensius ist durchaus gewollt undaussagekräftig. Impensius mag gewöhnlich mit “ingrößerem Maße” übersetzt werden, hat jedoch einezweifache Bedeutung, einerseits “schwerer”, andererseits “mitgrößeren Kosten, teurer”. Und genau diesen beiden Aspektenentsprechen levior (leichter) und vilior (billiger).“Vilioret levior ist dann nicht etwa ein vager Ausdruck derMißbilligung ..., sondern eine genaue, wenn auch paradoxe, Paraphrase zuimpensius”[4]. Diese erste Darstellung jedoch muß den Leser eher verwirren, alsdaß sie ihm Klarheit verschafft. Was meint Catull damit, daß ereinerseits entflammt ist, andererseits aber Lesbia ihm weniger bedeutet? Wiekann dieser Widerspruch erklärt werden? Qui potis es? (Die femininebzw. maskuline Form von potis muß uns hier nicht weiterverwundern, Catullbenutzt wohl aus metrischen Gründen eine alte Neutrum-Form, die auf dieDauer durch Entfallen des s und Wandel des i zu pote wurde.) Catull nimmt dieseFrage auf, wobei er die Frage scheinbar Lesbia stellt, zu der er ja die ganzeZeitspricht. Es darf allerdings angenommen werden, daß er die Frage auchsich selber stellt, und auch die folgende Erklärung liefert zwar einenersten Schritt zur Antwort, doch vollständig kann Catull es weder sich nochseinem Leser erklären. Er fühlt nur, daß diese iniuriaihn zu solch gemischten Gefühlen zwingt. Auch am Ende des Gedichts tauchtwieder der Unterschied zwischen der leidenschaftlichen, jedoch physischen Liebeund der emotionalen Zuneigung auf, wie schon zu Anfang des Gedichts derUnterschied durch tenere und dilexi, so wird dieser Konflikt nunnoch einmal durch amare und bene velle dargestellt. “DieFlamme der Leidenschaft, die die physische Seite seiner Liebe ausmacht, istimmer heißer geworden, während seine geistige Achtung, dienicht-physische Seite, tiefer und tiefer gesunkenist.”[5]. Somit bringt Catull am Endeseines Gedichtes seine Gedanken noch einmal klar zum Ausdruck, während erzugleich das Leiden, das damit verbunden ist, dem Leser deutlich vor Augenführt. Die iniuria zwingt ihn, so zu fühlen, ohne daß ersich dagegen wehren kann. So wie Catull das Gedicht angefangen hat, indem er aufdie frühere schöne Zeit verweist, so beendet er das Gedicht mit demnegativen bene velle minus, das noch einmal die Folgen des dicebasund der damit verbundenen Heuchelei herausstellt. Zuletzt zeigt dieHäufung der Komparative, von impensius über vilior,levior und magis bis zu minus, einerseits den Unterschied zumersten Teil, doch noch viel mehr die Emotionen Catulls. “Auch dieHäufung der Komparative schließlich verrät, wie sehr der DichterAusgewogenheit und Maß im Jetzt verloren hat; denn der Bezugspunkt, derPositiv all der Steigerungen ... liegt nicht in der zweiten Hälfte, sondernin dem entschwundenen glücklichen Einst der erstenHälfte.”[6]
III. Die carmina VIII und LXXXV
1. Das carmen VIIIIm carmen VIII schreibt Catull über das Endeseiner Beziehung zuLesbia, die allerdings auch in diesem Gedicht nicht namentlich erwähntwird. Auch hier ist seine geteilte Gefühlslage zu erkennen. Catull sprichtzu sich selbst, er solle aufhören, an Lesbia zu denken, sie sei fürihn verloren. Mit Wehmut erinnert er sich an die Zeit, als er mit Lesbia Scherzetrieb, eine Zeit, in der ihm soles candidi fulserunt.Doch wie auch derTag mit seinem Sonnenschein vergehen muß, so mußte auch die Liebevergehen. Wie schon in carmen LXXII, so ist auch hier wieder eine klare Trennungzu sehen. In den ersten acht Zeilen beschreibt Catull die schöne Zeit, umdann wiederum, man vergleiche carmen LXXII, mit einer kurzen, prägnantenEinleitung - nunciam illa non volt - im zweiten Teil die Gegenwartdarzustellen. Er spricht sich selbst an, er solle doch diese Gedanken vergessen,nun solle auch er nicht wollen. Er solle standhaft sein, obdurare, das inder letzten Zeile als Quintessenz des Gedichts nochmals wiederholtwird. Um dieses obdura nun gleich zu befolgen, sagt er Lebewohl. Daßdieses Lebewohl aber doch kein Abschied ist, daß Catull immer nochemotionell viel zu sehr berührt ist, zeigen die anschließendenZeilen, in denen erdarstellt, wie sehr doch das Ende der Beziehung auch Lesbiaschmerzen muß. So fragt er, welches Leben ihr denn noch bleibt ohne ihn,wer ihr all die Vorteile bieten kann, die er ihr geboten hat. In den folgendenFragen zeigt Catull gleich, was die Liebe zwischen ihm und Lesbia ausgezeichnethat: Die Bewunderung Catulls - cui videberis bella, die gegenseitigeZuneigung - quem amabis, cuius esse diceris, aber auch diekörperliche Zuneigung - quem basiabis, cui labella mordebis. Abschließend wiederholt er die an sich gerichtete Aufforderung, ersolle standhaft bleiben, womit er die Aussage des Gedichtes gleich in doppelterHinsicht zusammenfaßt - die Notwendigkeit aber auch die Schwierigkeit,standhaft zu bleiben. Über die Intentiondes Gedichtes gibt es drei verschiedeneAnsätze : Eine Deutung als ernstes Gedicht, eine als komisches Gedicht undeine, die es sowohl komische als auch ernste Aspekte erkennt. Für einenicht vollkommen ernste Deutung spricht außer dem bloßen Vergleichmit anderen Gedichten, besonders den beiden hier behandelten, das Versmaß,ein Choliambus, auch Hinkiambus genannt. “Auch dem Metrum kommt dieseDeutung entgegen, denn der Hinkiambus gerät durch sie wieder in einegewisse Nähe zu seiner alten Spott- und Schimpftradition, währendfür die Vertreter der ausschließlich ernsten Auffassung seine‘Anwendung auf einen solchen Stoff der Tradition zuwiderlief(Kroll)”[7] Gerade den Hinkiambus siehtTyrrellin einer ganz anderen Funktion: “(Catull) läßt inflammenden Hinkiamben, die wie Würfe einer Handvoll Erde auf einen Sargklingen, seiner seelischen Todesqual freienLauf.”[8] Doch die Art, in der Catull sichselbst anredet, das inpotens, die Schilderung der Scherze, die er einstmachte, das mordere labella, all dies deutet auf einen scherzhaftenCharakter des Gedichts hin. Auf der anderen Seite sind die Vorwürfe anLesbia, insbesondere die Anrede als scelesta, durchaus ernst. Insofernsind wohl die beiden extremen Deutungen nicht zu halten, es ist wohl einscherzhaftes Gedicht, das aber einen von Catull durchaus als ernst empfundenenHintergrund hat. Das scherzhafte Umgehen mit dem ernsten Thema, läßt vermuten,daß das Gedicht aus einer Phase stammt, in der Catull entweder das Endeder Beziehung noch nicht als endgültig ansieht, oder den Verlust als nichtallzu schlimm bewertet. Ebenso spricht die Tatsache, daß Catull einenNebenbuhler mit keinem Wort erwähnt, sondern sogar Lesbia prophezeit, siewürde nun keinen anderen finden - quem nunc amabis, cuius essediceris ? - dafür, daß das Gedicht aus einer Phase stammt, in derCatull entweder noch keinen Nebenbuhler hatte oder noch nichtsvon ihmwußte. Die Annahme, Catull wußte schon etwas von einem Nebenbuhler,ließe ihn hier aber unerwähnt, halte ich für nicht haltbar,insbesondere, wenn man bedenkt, daß die Anklage und Verhöhnung seinerNebenbuhler ein wichtiges Thema seiner Gedichte sind. Beide Punkte sprechen alsofür eine relativ frühe Entstehung des Gedichts.
2. Das carmen LXXXVEine passende Übersetzung des wohl berühmtesten Gedichts Catullsins Deutsche wurde vonvielen Dichtern und Philologen versucht, unter ihnen sobekannte wie Mörike, Weinreich, und Vulpius. Doch stets zeigt sich,daß die kurze und prägnante Form des Originals im Deutschen beiBeibehaltung des Versmaßes nicht beizubehaltenist. Schon der Anfang des Gedichts birgt für die Übersetzer einProblem : Das lateinische odi et amo ist im Deutschen kaum wiederzugeben.Abgesehen von der Tatsache, daß die deutsche Übersetzung mit“ich” anfangen müßte und damit nicht in den Hexameterpassen würde, ist schon eine kurze, aber adäquate Übersetzung desodi nicht möglich. Viele Übersetzer haben dafür hassengewählt, jedoch gibt diese Übersetzung nicht die genaueAussageCatulls wieder. Hier irrt meiner Meinung nach Ellis, wenn er sagt: “ThisEpigram is a brief but pointed expression of the connexion between violent loveand violent hate.”[9]. Dieses odiist wohl als Gegensatz zu bene velle zu verstehen,nicht als Gegensatz zuamare, da Catull ja selber die beiden Gefühle auf eine Stufe stellt.Es ist ihm möglich, gleichzeitig amor und odium zu empfinden, währender, aufgrund seines odiums, nicht mehr bene velle potest. “Es istdeshalb nicht das Gegenteil von amare, was für Catull sinnliches Verlangenausdrückt, sondern von bene velle und dessen Synonymen, mit denen er dasWesen der nicht-physischen Seite seiner Liebe zu umschreibenversuchte.”[10] Eine passendeÜbersetzung zu odi ist schwer zu finden, zumal Catull selbstProbleme hat, diesen Zustand begreiflich zu machen. Die Unbegreiflichkeit dieser beiden Gefühle drückt sich dann auchwieder in der folgenden Frage aus : quare id faciam fortasse requiris?Diese Frage ist nicht nur an den Leser gestellt, Catull stellt sie sich selber.Hier stimme ich weniger mit Syndikus überein: “Das Du, das derDichter hier einführt, ist der normale Zeitgenosse, der vom Standpunkt des‘gesunden Menschenverstandes’ aus urteilt und angesichts derseltsamen Aussage Catulls nur den Kopf schüttelnkann.”[11]. Das Du nimmt hier eben beidePositionen an: Die des normalen Zeitgenossen, aber auch die des Catull im Dialogmit sich selbst. Nicht nur der normale Zeitgenosse, dem, wie schon obenerwähnt, eine solche romantische Empfindung von Liebe weitgehendst fremdwar, konnte diese nicht verstehen, sondern auch Catull steht diesemPhänomen ratlos gegenüber. So ist das Gedicht nicht als eineSchilderung an einen Unbeteiligten zu verstehen, Catull setzt sich hier nochmalsmit seinem Problem auseinander, sein Streben nach Selbstinformation istunverkennbar. “Wenn er nicht seine Mitmenschen verachtet, wird er ihnennicht das Vergnügen versagen zu lesen, was er geschrieben hat, währender von der Muse inspiriert wurde, nachdem es einmal dem Zweck derSelbstinformation gedient hat.”[12] DieseSelbstinformation besteht allerdings allein in der klaren Darstellung desProblems, eine Lösung kann Catull nicht finden. So ist auch die, erst recht in Anbetracht der langen Frage, kurze Antwortzu verstehen: nescio ist der Ausdruck der Ratlosigkeit Catulls. DieseFrage ist wie “ein ermattendes Zurücksinken des Tons, ein Ritardandoausgeprägtester Art, das den Eintritt des neuen, qualvollen Ausrufs:‘nescio’ wirkungsvoll kontrastierendvorbereitet.”[13] Und auch die folgendenWorte sind kein Versuch einer Erklärung, sondern beschreiben nur denSeelenzustand noch einmal genauer. Im fieri der zweiten Zeile benutzt Catull sehr geschickt dasfacere aus der ersten Zeile und zeigt durch den Wechsel vom Aktiv insPassiv an, daß nicht er der Handelnde ist. Der Leser mag zu Anfang desGedichts noch den Eindruck gehabt haben, daß Catull der Handelnde ist,doch nun begreift er, daß Catull gegen diesen Gefühlskonflikt keineHandhabe hat, er hat ihn nicht gewollt. “Nicht er handelt, sondern etwasgeschieht mit ihm.”[14] Hier nun begegnet dem Übersetzer wieder ein neues Problem. Diewortverwandte, aber doch sinnumkehrende Wendung facere-fieri ist imDeutschen kaum nachzubilden. Dem Original sehr nahe, jedoch im Deutschen etwasgezwungen, ist die Übersetzung von Norden : “Du fragst wohl, warumich’s so treibe. Weiß nicht. Daß es micht treibt, fühlich und martre mich ab.” Hier ist die unterschwellige Aussage Catulls sehrgut wiedergegeben. So, wie der Grund gleich zu Anfang des Gedichts genannt wird, so wird dieFolge am Ende aufgeführt. Mit dem hart klingenden, die seelischen Leidenvergegenwärtigenden excrucior wird dem Leser noch ein letztes Maldie prekäre Situation Catulls klargemacht. Catull hat es mit seinem carmen LXXXVverstanden, eine komplizierte undschwer zu durchschauende Gefühlslage innerhalb von nur zwei Zeilen miteiner kaum zu überbietenden Klarheit auszudrücken. Hierbei nutzt erin hervorragendem Maße die Möglichkeit, mittels der lateinischenSprache Zusammenhänge kurz und prägnant darzustellen.
IV. Vergleich der drei carminaDie Gedichte zeitlich in eine Reihenfolge zu stellen, ist kaummöglich, auch wenn Heinze vermutet: “Aus all diesen Gründendürfte c. 8 nicht der Zeit des Leids und der Trennung angehören,sondern einer früheren.”[15] . Solcheine Einordnung ist jedoch hier auch nicht nötig, viel mehr spiegeln dieGedichte eine Entwicklung in Catull und in seinen Gefühlen wieder. In carmen VIII ist Catull noch recht heiter und erkennt die Tragweite derBeziehung zu Lesbia noch nicht. Er prophezeit Lesbia, sie werde aufgrund derTrennung nun traurige Zeiten erleben, alleine, ohne Bewunderung oder gar Liebeeines Mannes. Seine eigenen Probleme erkennt er nicht. Zwar spürt er,daß der Verlust ihn quält, doch meint er, diesen vergessen zukönnen. Wie ein Tag, der notwendig auch vergehen muß, so mußwohl auch seine Liebe vergehen. So ist dascarmen VIII zwar ein wehmütigesGedicht, doch das scheinbare Paradoxon des odi et amo tritt in diesemGedicht noch nicht in Erscheinung. Anders dagegen das carmen LXXII, in dem schon viel deutlicher wird, wie esum Catull bestelltist. Hier tritt erstmals der Konflikt auf, doch nicht, ohnedie glückliche Zeit zuvor zu erwähnen. So ist das Gedicht zwar einetraurige, jedoch immer noch mit positiven Erinnerungen verwebte Schilderung. Diepositive Erinnerung wird von Catull jedoch andererseits genutzt, um denUnterschied zwischen ihm und Lesbia herauszustellen. Während sie nurvorgab, ihn zu lieben, liebte er sie von ganzem Herzen, nicht so “wie derPöbel sein Liebchen”. Im carmen LXXXV wird nun die ganzeTragweite der Trennung deutlich. Keinepositiven Erinnerungen hellen die negative Darstellung auf. Catull versucht nunnicht mehr, das Geschehen logisch zu durchdringen, er liefert keineBegründung oder Erklärung, sondern verfaßt ein Klagegedicht ineiner bei aller Schlichtheit doch vollkommenen dichterischen Form. Interessant sind auch die Versmaße und äußeren Formen derdrei Gedichte. Eine Veränderung dieser Mittel ist deutlich zu sehen, vondem, wie oben schon erwähnt, im Hinkiambus leicht scherzhaftverfaßten carmen VIII, über das in seiner äußeren Formneutrale carmen LXXII, bis hin zum carmen LXXXV, das Commager gar in dieNähe von Grabepigrammen stellt: “Catull scheint eine derfrüheren Anwendungen des Distichons, die des Grabepigrammes, seinen Zweckenanzupassen. Auch die Apostrophe requiris legt den Gedanken der Anrede aneinen Passanten nahe, wie sie in Grabinschriften üblichist.”[16]. In der oben dargestellten Weise kann der Leser allein über dieSchilderung der Trennung nachvollziehen, in welchem Grade und in welcherfür seine Zeit ungewöhnlichen Art Catull Lesbia geliebt hat. Mitdiesen drei Gedichten hat Catull eine Entwicklung dargelegt, die mit dem carmenLXXXV einen nicht zu übertreffenden Höhepunkt vorzuweisenhat.
V. Bibliographie1.)
| Mynors, R. A. B., C. Valerii Catulli / Carmina, Oxford 1958
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| 2.)
| Eisenhut, W., Catull / Gedichte, München, Zürich 1986
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| 3.)
| Kroll, W., C. Valerius Catullus, Stuttgart 1989
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| 4.)
| Heine, R., Catull, Darmstadt 1975
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| 5.)
| Heinze, R., Auswahl aus den Carmina / Catull, Band : Interpretationen,1970
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| 6.)
| Syndikus, H. P., Catull : Eine Interpretation, Bd. 3 : Die Epigramme,Darmstadt 1987
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| 7.)
| Weinreich, O., Die Distichen des Catull, Darmstadt 1964.
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| 8.)
| Graves, R., The crowning privilege, New York 1956
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| 9.)
| Tyrell, R.Y., Latin poetry, Boston 1895
| [1] Copley, F.O. in : Heine, R., Catull,Seite 292 [2] Eisenhut, W., Catull Gedichte, Seite157 [3] Kroll, W., C. Valerius Catullus, Seite245 [4] Commager, S., in : Heine, R., Catull,Seite 223 [5] Copley, F.O., in : Heine, R., Catull,Seite 293 [6] Heinze, R., Auswahl aus den Carmina /Catull, Band:Interpretationen, Seite 83 [7] Heinze, R., Auswahl aus den Carmina /Catull, Band: Interpretationen, Seite 28 [8] Tyrell, R. Y., Latin Poetry, Seite103 [9] Ellis, Seite 461 [10] Copley, F.O., in : Heine, R.,Catull, Seite 300 [11] Syndikus,H.P., Catull : EineInterpretation, Band 3, Seite 58 [12] Graves, R., The crowning privilege,Seite 192 [13] Weinreich, O., Die Distichen desCatull, Seite 39 [14] Syndikus, H.P., Catull: EineInterpretation, Bd. 3 : Die Epigramme, Seite 58 [15] Heinze, R., Auswahl aus den Carmina /Catull, Band: Interpretationen, Seite 29 [16] Commager, S., in : Heine, R.,Catull, Seite 220
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