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Klatsch & Tratsch

Bernstein, Leonard: Mass - Theaterstück für Sänger


Zusammenfassung
Fachbereich: Kunst  
Woerter 3600
Kurzbeschreibung MASS – “THEATERSTÜCK für SÄNGER, SCHAUSPIELER und INSTRUMENTALISTEN” von L E O N A R D B E R N S T E I N MASS – vom Komponisten als “Theaterstück für Sänger, Schauspieler und Ins...
 
 

Bernstein, Leonard: Mass - Theaterstück für Sänger

MASS

“THEATERSTÜCK für SÄNGER, SCHAUSPIELERund INSTRUMENTALISTEN”
von L E O N A R D B E R N S T E IN
MASS – vom Komponisten als “Theaterstück fürSänger, Schauspieler und Instrumentalisten” bezeichnet, wurde 1971vollendet und am 8.September 1971 zur Eröffnung des John F. Kennedy –Center for the Performing Arts in Washington D.C. uraufgeführt.
In “Mass” hat Bernstein ein sehr religiöses Werkgeschaffen, in dem man hebräische Segnungssprüche, Texte aus derrömisch-lateinischen Liturgie, moderne jüdische und christliche Verseineinander verschränkt findet.
Für “Mass” hat Bernstein selbst einige Texteverfaßt, Stephen Schwartz schrieb zusätzliche Texte. Bernsteinbehandelt die liturgischen Meßtexte ganz frei. In den Texten kommenzunächst Orientierungslosigkeit, Unsicherheit und Zweifel zum Ausdruck,dann werden vor allem die Vorwürfe thematisiert, die in der Protestbewegungder 1960er Jahre an die katholische Amtskirche gerichtet wurden.Vom Beginn des“Spektakels” an, das zwischen “Kult undShow”angesiedelt ist, verstrickt sich die Messe immer mehr in kultische Affirmation.
Da werden Volkstümliches und Symphonisches, Musica viva und Rock nichtmehr auseinandergehalten, vielmehr durcheinandergemischt, Bernsteins Blues- undRockpartien nehmen oft dissonant – geschärfte Töne an. DieKomposition von “Mass” vereinigt zahlreiche sehr unterschiedlichemusikalische Stile. Am auffallendsten ist, daß die säuberlicheTrennung in sogenannte E- und U-Musik, wie sie im Musikleben funktioniert, nichtaufrecht erhalten wird, sondern beide Musikarten in dem Stückvorkommen.
Es läßt sich nämlich feststellen, daß dieU-Musik–Formen in erster Linie zu den freienenglischen Textenherangezogen werden. Dabei kommen dem Zelebranten einfache, ruhige,harmonisch-melodische Musikstücke zu. Lediglich in seiner“Wahnsinnsszene” weicht die Musik situationsgemäß vondiesem Charakter ab, kehrt aber im Schlußstück zu dem Anfangstonfallzurück. Die provokativen Texte sind den Blues- und Rocksängernzugeteilt.
Hier werden nicht nur zwei Aufführungsorte ganz unterschiedlichermusikalischer Tradition in eins gesetzt, Kirche und Theater, hier werden nachherkömmlichem Verständnis unvereinbare Gattungenzusammengebracht.
Leonard Bernstein wollte in “Mass” ein religiöses Werkschreiben; es ist im Rahmen einer christlichen Messe konzipiertund es behandeltdie Krise des Glaubens als zentrale Krise des Jahrhunderts. Kirchlicher undsinfonischer Stil wird mit Rock gemischt, genau wie sakrale Texte undaufsässige Kritik miteinander abwechseln.
“Ein Kunstwerk gibt keine Antwort aufFragen, es fordert sieheraus”, schrieb Bernstein.
“Mass” zeigt in bewegender Weise die Entwicklung von derimprovisierten Laudatio zur Zeremonie und ihrer späteren Dekadenz und endetim Ausdruck der Hoffnung einer Erneuerung, einer Wiederkehr der spontanen,offenen, dankbaren Freude an den Segnungen des Lebens.
In Leonard Bernsteins “Mass” wirken Rock und Blues und ihreSänger als Revolte gegen die bestehende kirchliche Ordnung: “Wenn ichbeichten könnte, würde ich gerne alles, was mich bedrücktloswerden”, singt ein Rock-Sänger, “aber wie Gott – ichweiß es nicht. Was ich sage, fühle ich nicht. Was ich fühle,zeige ich nicht. Was ich zeige, ist nicht echt. Gott, nein, nein,.... ichweiß nicht.”
Am Ende aber vereinen sich lateinisch und hebräisch singende Beter,verbinden Zelebranten und Volk zum gemeinsamen "Laudate Deum".
ÜBER DIE URAUFFÜHRUNG:
Als das letzte “Amen” in der Uraufführung von“Mass” in Washington am 8.September 1971 erklungen war, blieb dieHörerschaft im Saal an die drei Minuten – die wie eine Ewigkeitschienen – wie gebannt auf den Plätzen sitzen. Dann erhob sie sichund applaudierte begeistert fast eine halbe Stunde lang; über sicherlichviele Bedenken hinweg hatte man die “Botschaft” des Werkes in sichaufgenommen, war auch von einer grandiosen bühnentechnischen undmusikalischen Realisation ergriffen.
Die Uraufführung selbst dirigierte Maurice Peress, es sang der NormanScribner Choir und der Berkshire Boy Choir, den Zelebranten sang Alan Titus.
Das gewaltige Presse – Echo war geprägt von kontroversiellenDiskussionen über die Rolle Gottes in unserer Zeit. Bernstein selbst sagte:“Ich hatte weder wirklich den Anspruch, eine lateinische Messe zuschreiben, noch habe ich ein streng religiöses Werk erwogen, obwohl sich“Mass” in gewisser Weise als genauso religiös wie meine Kaddish– Symphonie entpuppt hat, mit der Ausnahme, daß “Mass”ein Theaterwerk ist....”
Zur Hauptfigur des Stückes, dem Zelebrant, sagt Bernstein: “Ichhabe ihn nie als eine Charakterrolle angesehen..... Er repräsentiert dieQualität, die dich auffordert, weiterzuleben. Ich vermute, daß mandies teilweise mit dem Wort “Glauben” definieren kann, teilweise mitdem Wort “Hoffnung”, teilweise mit dem Wort“Erwartung”.”
MASS-AUFFÜHRUNGEN IN ÖSTERREICH:
“Mass”, eines der Hauptwerke Bernsteins, wurdeinÖsterreich erstmals 1973 in einem Gastspiel der Yale University im WienerKonzerthaus aufgeführt, unter der Leitung des Dirigenten John Mauceri,worauf eine Produktion von Marcel Prawy in seiner deutschenÜbersetzung 1981 an der Wiener Staatsoper folgte.
“Mass” wurde nun erstmals am 10. Mai 1993 in Linzaufgeführt, anläßlich des 75. Geburtstages (25.August 1993) vonLeonard Bernstein.

Montag, 10. Mai 1993, 20 Uhr, Brucknerhaus,Brucknersaal

Leonard Bernstein: MASS

Einführende Worte: MARCEL PRAWY
Zelebrant: JOHN CASHMORE, Stadttheater Aachen
Street-Chorus (Sänger und Tänzer der VEREINIGTEN BÜHNENWIEN)
Bernstein – Orchester des Brucknerhauses Linz
Mozartchor des Linzer Musikgymnasiums
St. Florianer Sängerknaben
Marching-Band, Blues-Band, Rock-Band
Szenische Gestaltung: PETER WISSMANN, Stadttheater Aachen
Dirigent: CASPARRICHTER, Vereinigte Bühnen Wien
Leonard Bernstein wünschte sich: “Mass soll aufrütteln,wachmachen, zum Protest treiben.
Aber zum Protestgegen Willkür und Grausamkeit.”
“Mass” ist nicht nur spektakulär; es ist geradezu einreligiöser Zirkus.
Bernstein gab dem Werk den Untertitel “Ein Theaterstück fürGesang, Instrumente und Schauspiel”, eine recht bescheidene Umschreibungfür das erforderliche riesige Angebot an Akteuren: “Gesang” inallen möglichen Formen, live und vom Band, “Instrumente” inForm eines herkömmlichen Symphonieorchesters und einer schwungvollenMarschkapelle.
Das Werk ist seit der Uraufführung mehrfach wiederaufgeführtworden, aber es konnte sich –wohl wegen des übergroßen Aufwands- keinen festen Platz im Repertoire erobern.
Die wohl verblüffendste Zusammenstellung verschiedener Stilrichtungenfindet sich kurz nach Beginn dieses zweistündigen Spektakels. Dann ein“Kulturschock”: Der Hauptakteur tritt auf, der Jeans statt einesMeßgewandes trägt, singt “A Simple Song”. Obwohl dieserdramaturgische Umschwung an sich schon interessant ist, ist es doch vor allemder Text, der zum Nachdenken anregt: “Singt Gott ein einfaches Lied...,einfach wie es dir in den Sinn kommt..., denn Gott ist von allem dasEinfachste.”
Dies ist natürlich keine Lästerung, sondern ein unkomlizierterLobgesang auf Gottes Allgegenwart. Das Werk versucht dies zu vermitteln, was jaim übrigen der Grundgedanke der Messe ist.
Bernstein macht sich nur zeitgemäße Mittel zu eigen, zumBeispiel Bandaufnahmen, unkonventionelle Instrumente und moderne Gesangsstile;auch Bühnenbild und Kostüme sind zeitgenössisch.
Das Werk endet, wie alle Messen enden: mit der Entlassung derGläubigen.
Eine Stimme ertönt vom Band, anonym und gleichsam aus derHöhe:”Die Messe ist zu Ende; geht in Frieden.”
M A S S - A N A L Y S E:
“Mass” beginnt bei dunkler Bühne mit dem “Kyrieeleison”, das man vom Tonband hört.
Aus dem Lautsprecher ertönt eine hohe Soprankoloraturstimme, vomGlockenspiel, Xylophon und kleinem Becken begleitet; ein für das ganze Werkcharakteristisches Ausgangsmotiv aus kleiner aufsteigender Terz undzurückfallender großer Sekund wird gleichzeitig mit dem ersten Tondes Gesanges und bald darauf auch von der Gesangsstimme aufgenommen.
Das Koloratur – Kyrie wird von einer zweiten Kyrie – Melodie,von einer Baßstimme gesungen, abgelöst; sie wird von drei Paukenbegleitet. Diese Melodie stellt eine Ausschmückung des Sopran – Kyriedar. Von Sopran- und Altsoli gesungen, tritt nun ein “Christeeleison” hinzu. Von Tenor- und Baritonsolo angestimmt, beginnt eine neuer“Christe eleison” – Teil; die kunstvolle quadrophonischePolyphonie steigert sich bis zum stärksten fortissimo und brichtplötzlich mitten in Text und Musik ab.
Man sieht vor dem Vorhang auf der Bühne den Zelebranten, einen jungenMann in Blue Jeans. “Singt Gott einen einfachen Gesang”, stimmt eran: “Gott liebt alles, was einfach ist, Gott ist das Einfachste vonallem.”
Der Vorhang öffnet sich, Chorknaben erscheinen, die ihm ein einfachesMeßgewand überziehen. In freier Kadenz singt der Zelebrant sein“Lauda”, wird zunächst leise dann in anschwellenderLautstärke von sechs Solostimmen unterbrochen, die man aus denLautsprechern im Saalim Swing – Stil singen hört.
Die Bühne ist plötzlich überflutet von Menschen, Lichternund “Musik”.
Chor und Bläser “von der Straße” marschieren ein undintonieren ihr eigenes “Kyrie” in jazzigem Marschtempo, eingeleitetund immer wieder bekräftigt durch das dreitönige
“Kyrie” – Thema vom Beginn des Werkes.
“In nomine Patris” erklingt vom Tonband mitInstrumentalbegleitung; am Ende erfleht der Zelebrant Gottes Segen für dasHaus.
Nach dem Chor-Choral (“Almighty Father”) leitet ein Oboensolovom Tonband zum 4.Teil “Confession” über.
Der Chor beginnt “Confiteor” in teilweise stark dissonantenAkkorden nach dem traditionellen liturgischen Text. Das “Confiteor”wird nun von einer Rockband und einem Rocksänger als “HeavyBlues” aufgenommen. Es melden sich die Zweifel an der Ehrlichkeit undWirksamkeit der Beichte:“Ich könnte beichten – aber wie Gott,ich weiß es nicht.”
Weitere Rock – und Bluessänger folgen(“Straßenchor”). Der erste Rocksänger richtet ein eigenesleises Gebet an Gott: “Wenn duso groß bist, zeige mir, wohin zugehen, zeige es mir jetzt, ich kann nicht warten, vielleicht ist es zuspät, ich weiß es nicht.”
“Gott vergebe dir, Gott sei mit dir”, spricht der Zelebrant,und einer der Bluessänger singt ein leises “Confiteor”. Anstatteines Gebetes folgt eine Meditation für Orchester, aus der L. Bernstein dieerste der “Drei Meditationen” für Violoncello und Orchesterfür Mstislaw Rostropowitsch gestaltet hat.
Nach der Meditation beginnt der “Gloria” – Satz. EineGruppe von Chorknaben erscheint, der Zelebrant beginnt den Gloria – Textzu singen, wobei jede Phrase von den Chorknaben wiederholt oder variiiert wird.
Der vierstimmige Chor setzt im Fortissimo mit der Lobpreisung ein, dazubegleitet das Orchester in Jazzrhythmen, in welche nach dem “Amen”auch der “Straßenchor” einstimmt, jedoch mit einem anderenText: “Eine Hälftedes Volkes ist versteinert, die andere Hälftewartet auf die nächste Wahl. Eine Hälfte des Volkes ist ertrunken, dieandere Hälfte schwimmt in die falsche Richtung. Das nennen sie einherrliches Leben, und du, Schatz, wohin führt dich das, dich unddeinesgleichen?”
Dem Straßenchor, der diese Fragen stellt, antwortet der Chor derGläubigen in wilder, rhythmischer Jazzakzentuierung “Misererenobis”, während der Straßenchor diese Fragen wiederholtundsich selbst die Antwort gibt: “Nirgendwohin, nirgendwohin.”
Dieser sechste Teil endet mit einem Sopransolo der Danksagung und einemZweifel an der Danksagung: “Erstmals hatte ich das Gefühl des Dankes,wenn ich Gratias Deo sang, aber ich singe es nicht mehr, ich weiß nicht,wann es geschah, das Danke ist nicht mehr da...” worauf zum Abschlußder Straßenchor pianissimo wispert: “Eine Hälfte des Volkes istertrunken, die andere Hälfte schwimmtin die falscheRichtung.”
“Laßt uns beten”, spricht wieder der Zelebrant, und esfolgt die 2. Meditation.
Der nächste Teil, “Epistel: The Word Of The Lord”, wiederohne Pause folgend, ermahnt einen Jungen, derzum Mann herangewachsen ist,daß er das Wort des Herrn nicht aus der Welt schaffen kann. “Wirerwarten”, singt der Zelebrant, “daß die Zeit des Wortes desHerrn kommt, wir erwarten das Wort des Herrn”. Die “Kyrie”– Motive sind im Gesang gegenwärtig. Der Zelebrant erinnert an dieSchöpfungsgeschichte.
Es melden sich wieder die Zweifler: Die Menschheit hat das, was Gottgeschaffen hat, nicht verstanden und nicht befolgt, hat es so ausgelegt, wieesihr paßt.
Der Prediger ermahnt: “Gott gab uns das Kreuz, wir verwandelten es inein Schwert. Wir nutzen seine Gebote, indem wir taten, was unsgefiel...”
“Und es war gut!”, wird vom Straßenchorherausgebrüllt und sie beginnen wild zu tanzen.
Als zehnter Teil folgt das “Credo”.
“Ich glaube an einen Gott”, spricht der Zelebrant; er wird vomlateinisch intonierten Gebet des Chores unterbrochen, das vom Tonband zuhören ist. Esist unisono gesungen und wird von einer Vielzahl vonSchlaginstrumenten begleitet.
Auf der Bühne folgt dann eine textliche Variation (Baß):“Non Credo, Et Homo Factus Est” – daß der Mensch nichtdas aus sich gemacht hat, was er werden sollte, wie kann also irgendjamand Credosagen?
Vom Tonband kommt der lateinische Messetext “Crucifixus etiam pronobis”, zu Schlagwerkbegleitung; diesen Gesang unterbricht eineMezzosopran-Solostimme, wieder eine Stimme der Klage: “You saidyou’d come again – when – when things got reallyrough?”
Und wieder ertönt Messetext vom Tonband “Sedet ad dexteramPatris”, schließlich wird dieser vom “Chor derStraße” unterbrochen: “Non erit finis” (einstimmig denText und das Motiv vom Tonbandchor aufnehmend) – “Welt ohne Ende– wer sie verlassen hat, wartet auf die nächste Schöpfung...Gott, macht es Dir nichts aus, wenn alles eines Tages endet?”
Die Szene endet nach einem bekräftigenden mehrmaligen“Amen” in einem Rocksolo:
“I believe in one God, but does God believe in me? I believe eachnote I sing, but is it getting through? I believe in F sharp, I believe in G,but does it mean a thing to you or should I change my key? How do you like Aflat? Do you believe in C? Do you believe in anything that has to do with me?Who’ll believe in me?”
Und wieder spricht der Zelebrant: “Letus pray – laßt unsbeten!”, worauf die 3. Meditation folgt, in der ein kanonisch einsetzenderChor “De profundis” singt, sich dann 8-stimmig teilt und zurSchlagwerkbegleitung das “Clamavi” herausschreit. Nachdem dasOrchester das chromatisch aufsteigende Thema im Kanon wiederholt hat, folgt der2.Teil des Gessanges, der ebenfalls in schreiende Deklamation führt. Derletzte Teil des Psalms wird wieder im Kanon gesungen.
Gegen Ende der Szene bringen Chorknabendem Zelebranten dieGefäße zur Kommunion.
Während des “Offertorium” – Gesanges geht derZelebrant ab.
Nach einem vielstimmigen Chorgesang folgt ein“leidenschaftlicher” Tanz um die heiligen “Geräte”,jedoch an dessen Ende kehrt der Zelebrant zurück und der Street –Chorus verläßt die Bühne.
Im 13. Teil singt der Zelebrant das “Vater Unser”, nach dem“Amen” singt er nachdenklich – was mag wohl geschehen, wennalles untergeht? Er wird weiterhin zelebrieren, den kommenden Tag erwarten, wirdGott loben.
Leise verklingt sein “Lauda, Lauda”, das man vom “SimpleSong” her kennt.
Als 14. Nummer folgt “Sanctus”, vom Knabenchor 2-stimmigintoniert; vom lateinischen, christlichen “Sanctus” geht nun derZelebrant in das hebräische “Kadosch” (=Heilig) über.
Der Chor nimmt “Kadosch” auf und fährt in derhebräisch-liturgischen Tradition mit dem “Heilig sei der Herr!”in hebräischer Sprache fort: “Baruch ha – Ba bschemAdonai” – Gesegnet sei, wer da kommt im Namen des Herrn.
“Sanctus!” rufen alle Stimmen auf der Bühne noch einmal,diesem folgt “Agnus Dei” als 15. Teil. “Agnus Dei”singen Solisten des Street-Chorus in Terzharmonien zu elektronischenKlängen, die vom Orchester gespielt werden. Im “Agnus Dei”bemächtigt sich die agressive Blues-Musik des liturgischen Textes, und mitder Forderung “Dona nobis pacem” bringen die Sänger denZelebranten, der ihnen Brot und Wein anbietet, zur Verzweiflung.
Der Zelebrant bemüht sich während des immer weiter gesteigertenSingens von “Dona nobis pacem” vergeblich, die Weihe der Hostiedurchzuführen.
Dem Ruf der Gemeinde nach Frieden schreit er plötzlich entgegen:“PANEM!”
Die Menge ist verwirrt, undin ihr “Dona nobis pacem” hineinsingt ein Solotenor:
“Wir knien nicht, wir beten nicht... Wir wollen einen Frieden, an denwir uns halten können... Gib uns unseren Frieden jetzt und nichtspäter... Wir können das Schweigen des Himmels nicht längerertragen. Wenn wir die Welt, die wir erwünschen, nicht haben können,müssen wir diese in Brand setzen.”
Zu diesen Worten wird der Chorgesang “Dona nobis pacem”wiederholt, und es tritt das“Kyrie” – Tonband vom Beginn derMesse dazu. Der Zelebrant unterbricht mit wildem Schreigesang: “Pacem!Pacem! Pacem!” und schleudert wie von Sinnen die vorher erhobenenSakramente zu Boden. Es folgt betretene Stille, alle fallen nieder.
In der anschließenden Wahnsinnsszene reißt er sich dieliturgischen Kleider vom Leib. Die unterstellte Ohnmacht und Sinnlosigkeit desalten Kultus werden nicht nur szenisch vorgeführt, sondern durch diemusikalische Umsetzung äußerst plastisch und wirksam dargestellt. Bernstein beschreibt diese Szene folgendermaßen: “Auf demHöhepunkt der Kommunion bricht die Zeremonie zusammen und die Messe istzerschmettert. Jedem Individuum auf derBühne bleibt es überlassen,einen neuen Glaubenskeim in sich selbst zu finden.”
Der Zelebrant stammelt verwirrt: “Schaut – ist das nichtmerkwürdig? Roter Wein ist nicht rot, sondern etwas wie braun, braun undblau... Wasstarrt Ihr her? Habt Ihr noch niemals ein Malheurerlebt?”
Er hebt ein zerbrochenes Stück vom Boden auf und wirft es von neuemkrachend hin.
“Seht – Glas scheint heller, wenn es zerbrochen ist! Wie leichtzerbrechen Dinge!”
Er wirkt verwirrter und wilder, und die Musik zeichnet

MASS

“THEATERSTÜCK für SÄNGER, SCHAUSPIELERund INSTRUMENTALISTEN”
von L E O N A R D B E R N S T E IN
MASS – vom Komponisten als “Theaterstück fürSänger, Schauspieler und Instrumentalisten” bezeichnet, wurde 1971vollendet und am 8.September 1971 zur Eröffnung des John F. Kennedy –Center for the Performing Arts in Washington D.C. uraufgeführt.
In “Mass” hat Bernstein ein sehr religiöses Werkgeschaffen, in dem man hebräische Segnungssprüche, Texte aus derrömisch-lateinischen Liturgie, moderne jüdische und christliche Verseineinander verschränkt findet.
Für “Mass” hat Bernstein selbst einige Texteverfaßt, Stephen Schwartz schrieb zusätzliche Texte. Bernsteinbehandelt die liturgischen Meßtexte ganz frei. In den Texten kommenzunächst Orientierungslosigkeit, Unsicherheit und Zweifel zum Ausdruck,dann werden vor allem die Vorwürfe thematisiert, die in der Protestbewegungder 1960er Jahre an die katholische Amtskirche gerichtet wurden.Vom Beginn des“Spektakels” an, das zwischen “Kult undShow”angesiedelt ist, verstrickt sich die Messe immer mehr in kultische Affirmation.
Da werden Volkstümliches und Symphonisches, Musica viva und Rock nichtmehr auseinandergehalten, vielmehr durcheinandergemischt, Bernsteins Blues- undRockpartien nehmen oft dissonant – geschärfte Töne an. DieKomposition von “Mass” vereinigt zahlreiche sehr unterschiedlichemusikalische Stile. Am auffallendsten ist, daß die säuberlicheTrennung in sogenannte E- und U-Musik, wie sie im Musikleben funktioniert, nichtaufrecht erhalten wird, sondern beide Musikarten in dem Stückvorkommen.
Es läßt sich nämlich feststellen, daß dieU-Musik–Formen in erster Linie zu den freienenglischen Textenherangezogen werden. Dabei kommen dem Zelebranten einfache, ruhige,harmonisch-melodische Musikstücke zu. Lediglich in seiner“Wahnsinnsszene” weicht die Musik situationsgemäß vondiesem Charakter ab, kehrt aber im Schlußstück zu dem Anfangstonfallzurück. Die provokativen Texte sind den Blues- und Rocksängernzugeteilt.
Hier werden nicht nur zwei Aufführungsorte ganz unterschiedlichermusikalischer Tradition in eins gesetzt, Kirche und Theater, hier werden nachherkömmlichem Verständnis unvereinbare Gattungenzusammengebracht.
Leonard Bernstein wollte in “Mass” ein religiöses Werkschreiben; es ist im Rahmen einer christlichen Messe konzipiertund es behandeltdie Krise des Glaubens als zentrale Krise des Jahrhunderts. Kirchlicher undsinfonischer Stil wird mit Rock gemischt, genau wie sakrale Texte undaufsässige Kritik miteinander abwechseln.
“Ein Kunstwerk gibt keine Antwort aufFragen, es fordert sieheraus”, schrieb Bernstein.
“Mass” zeigt in bewegender Weise die Entwicklung von derimprovisierten Laudatio zur Zeremonie und ihrer späteren Dekadenz und endetim Ausdruck der Hoffnung einer Erneuerung, einer Wiederkehr der spontanen,offenen, dankbaren Freude an den Segnungen des Lebens.
In Leonard Bernsteins “Mass” wirken Rock und Blues und ihreSänger als Revolte gegen die bestehende kirchliche Ordnung: “Wenn ichbeichten könnte, würde ich gerne alles, was mich bedrücktloswerden”, singt ein Rock-Sänger, “aber wie Gott – ichweiß es nicht. Was ich sage, fühle ich nicht. Was ich fühle,zeige ich nicht. Was ich zeige, ist nicht echt. Gott, nein, nein,.... ichweiß nicht.”
Am Ende aber vereinen sich lateinisch und hebräisch singende Beter,verbinden Zelebranten und Volk zum gemeinsamen "Laudate Deum".
ÜBER DIE URAUFFÜHRUNG:
Als das letzte “Amen” in der Uraufführung von“Mass” in Washington am 8.September 1971 erklungen war, blieb dieHörerschaft im Saal an die drei Minuten – die wie eine Ewigkeitschienen – wie gebannt auf den Plätzen sitzen. Dann erhob sie sichund applaudierte begeistert fast eine halbe Stunde lang; über sicherlichviele Bedenken hinweg hatte man die “Botschaft” des Werkes in sichaufgenommen, war auch von einer grandiosen bühnentechnischen undmusikalischen Realisation ergriffen.
Die Uraufführung selbst dirigierte Maurice Peress, es sang der NormanScribner Choir und der Berkshire Boy Choir, den Zelebranten sang Alan Titus.
Das gewaltige Presse – Echo war geprägt von kontroversiellenDiskussionen über die Rolle Gottes in unserer Zeit. Bernstein selbst sagte:“Ich hatte weder wirklich den Anspruch, eine lateinische Messe zuschreiben, noch habe ich ein streng religiöses Werk erwogen, obwohl sich“Mass” in gewisser Weise als genauso religiös wie meine Kaddish– Symphonie entpuppt hat, mit der Ausnahme, daß “Mass”ein Theaterwerk ist....”
Zur Hauptfigur des Stückes, dem Zelebrant, sagt Bernstein: “Ichhabe ihn nie als eine Charakterrolle angesehen..... Er repräsentiert dieQualität, die dich auffordert, weiterzuleben. Ich vermute, daß mandies teilweise mit dem Wort “Glauben” definieren kann, teilweise mitdem Wort “Hoffnung”, teilweise mit dem Wort“Erwartung”.”
MASS-AUFFÜHRUNGEN IN ÖSTERREICH:
“Mass”, eines der Hauptwerke Bernsteins, wurdeinÖsterreich erstmals 1973 in einem Gastspiel der Yale University im WienerKonzerthaus aufgeführt, unter der Leitung des Dirigenten John Mauceri,worauf eine Produktion von Marcel Prawy in seiner deutschenÜbersetzung 1981 an der Wiener Staatsoper folgte.
“Mass” wurde nun erstmals am 10. Mai 1993 in Linzaufgeführt, anläßlich des 75. Geburtstages (25.August 1993) vonLeonard Bernstein.

Montag, 10. Mai 1993, 20 Uhr, Brucknerhaus,Brucknersaal

Leonard Bernstein: MASS

Einführende Worte: MARCEL PRAWY
Zelebrant: JOHN CASHMORE, Stadttheater Aachen
Street-Chorus (Sänger und Tänzer der VEREINIGTEN BÜHNENWIEN)
Bernstein – Orchester des Brucknerhauses Linz
Mozartchor des Linzer Musikgymnasiums
St. Florianer Sängerknaben
Marching-Band, Blues-Band, Rock-Band
Szenische Gestaltung: PETER WISSMANN, Stadttheater Aachen
Dirigent: CASPARRICHTER, Vereinigte Bühnen Wien
Leonard Bernstein wünschte sich: “Mass soll aufrütteln,wachmachen, zum Protest treiben.
Aber zum Protestgegen Willkür und Grausamkeit.”
“Mass” ist nicht nur spektakulär; es ist geradezu einreligiöser Zirkus.
Bernstein gab dem Werk den Untertitel “Ein Theaterstück fürGesang, Instrumente und Schauspiel”, eine recht bescheidene Umschreibungfür das erforderliche riesige Angebot an Akteuren: “Gesang” inallen möglichen Formen, live und vom Band, “Instrumente” inForm eines herkömmlichen Symphonieorchesters und einer schwungvollenMarschkapelle.
Das Werk ist seit der Uraufführung mehrfach wiederaufgeführtworden, aber es konnte sich –wohl wegen des übergroßen Aufwands- keinen festen Platz im Repertoire erobern.
Die wohl verblüffendste Zusammenstellung verschiedener Stilrichtungenfindet sich kurz nach Beginn dieses zweistündigen Spektakels. Dann ein“Kulturschock”: Der Hauptakteur tritt auf, der Jeans statt einesMeßgewandes trägt, singt “A Simple Song”. Obwohl dieserdramaturgische Umschwung an sich schon interessant ist, ist es doch vor allemder Text, der zum Nachdenken anregt: “Singt Gott ein einfaches Lied...,einfach wie es dir in den Sinn kommt..., denn Gott ist von allem dasEinfachste.”
Dies ist natürlich keine Lästerung, sondern ein unkomlizierterLobgesang auf Gottes Allgegenwart. Das Werk versucht dies zu vermitteln, was jaim übrigen der Grundgedanke der Messe ist.
Bernstein macht sich nur zeitgemäße Mittel zu eigen, zumBeispiel Bandaufnahmen, unkonventionelle Instrumente und moderne Gesangsstile;auch Bühnenbild und Kostüme sind zeitgenössisch.
Das Werk endet, wie alle Messen enden: mit der Entlassung derGläubigen.
Eine Stimme ertönt vom Band, anonym und gleichsam aus derHöhe:”Die Messe ist zu Ende; geht in Frieden.”
M A S S - A N A L Y S E:
“Mass” beginnt bei dunkler Bühne mit dem “Kyrieeleison”, das man vom Tonband hört.
Aus dem Lautsprecher ertönt eine hohe Soprankoloraturstimme, vomGlockenspiel, Xylophon und kleinem Becken begleitet; ein für das ganze Werkcharakteristisches Ausgangsmotiv aus kleiner aufsteigender Terz undzurückfallender großer Sekund wird gleichzeitig mit dem ersten Tondes Gesanges und bald darauf auch von der Gesangsstimme aufgenommen.
Das Koloratur – Kyrie wird von einer zweiten Kyrie – Melodie,von einer Baßstimme gesungen, abgelöst; sie wird von drei Paukenbegleitet. Diese Melodie stellt eine Ausschmückung des Sopran – Kyriedar. Von Sopran- und Altsoli gesungen, tritt nun ein “Christeeleison” hinzu. Von Tenor- und Baritonsolo angestimmt, beginnt eine neuer“Christe eleison” – Teil; die kunstvolle quadrophonischePolyphonie steigert sich bis zum stärksten fortissimo und brichtplötzlich mitten in Text und Musik ab.
Man sieht vor dem Vorhang auf der Bühne den Zelebranten, einen jungenMann in Blue Jeans. “Singt Gott einen einfachen Gesang”, stimmt eran: “Gott liebt alles, was einfach ist, Gott ist das Einfachste vonallem.”
Der Vorhang öffnet sich, Chorknaben erscheinen, die ihm ein einfachesMeßgewand überziehen. In freier Kadenz singt der Zelebrant sein“Lauda”, wird zunächst leise dann in anschwellenderLautstärke von sechs Solostimmen unterbrochen, die man aus denLautsprechern im Saalim Swing – Stil singen hört.
Die Bühne ist plötzlich überflutet von Menschen, Lichternund “Musik”.
Chor und Bläser “von der Straße” marschieren ein undintonieren ihr eigenes “Kyrie” in jazzigem Marschtempo, eingeleitetund immer wieder bekräftigt durch das dreitönige
“Kyrie” – Thema vom Beginn des Werkes.
“In nomine Patris” erklingt vom Tonband mitInstrumentalbegleitung; am Ende erfleht der Zelebrant Gottes Segen für dasHaus.
Nach dem Chor-Choral (“Almighty Father”) leitet ein Oboensolovom Tonband zum 4.Teil “Confession” über.
Der Chor beginnt “Confiteor” in teilweise stark dissonantenAkkorden nach dem traditionellen liturgischen Text. Das “Confiteor”wird nun von einer Rockband und einem Rocksänger als “HeavyBlues” aufgenommen. Es melden sich die Zweifel an der Ehrlichkeit undWirksamkeit der Beichte:“Ich könnte beichten – aber wie Gott,ich weiß es nicht.”
Weitere Rock – und Bluessänger folgen(“Straßenchor”). Der erste Rocksänger richtet ein eigenesleises Gebet an Gott: “Wenn duso groß bist, zeige mir, wohin zugehen, zeige es mir jetzt, ich kann nicht warten, vielleicht ist es zuspät, ich weiß es nicht.”
“Gott vergebe dir, Gott sei mit dir”, spricht der Zelebrant,und einer der Bluessänger singt ein leises “Confiteor”. Anstatteines Gebetes folgt eine Meditation für Orchester, aus der L. Bernstein dieerste der “Drei Meditationen” für Violoncello und Orchesterfür Mstislaw Rostropowitsch gestaltet hat.
Nach der Meditation beginnt der “Gloria” – Satz. EineGruppe von Chorknaben erscheint, der Zelebrant beginnt den Gloria – Textzu singen, wobei jede Phrase von den Chorknaben wiederholt oder variiiert wird.
Der vierstimmige Chor setzt im Fortissimo mit der Lobpreisung ein, dazubegleitet das Orchester in Jazzrhythmen, in welche nach dem “Amen”auch der “Straßenchor” einstimmt, jedoch mit einem anderenText: “Eine Hälftedes Volkes ist versteinert, die andere Hälftewartet auf die nächste Wahl. Eine Hälfte des Volkes ist ertrunken, dieandere Hälfte schwimmt in die falsche Richtung. Das nennen sie einherrliches Leben, und du, Schatz, wohin führt dich das, dich unddeinesgleichen?”
Dem Straßenchor, der diese Fragen stellt, antwortet der Chor derGläubigen in wilder, rhythmischer Jazzakzentuierung “Misererenobis”, während der Straßenchor diese Fragen wiederholtundsich selbst die Antwort gibt: “Nirgendwohin, nirgendwohin.”
Dieser sechste Teil endet mit einem Sopransolo der Danksagung und einemZweifel an der Danksagung: “Erstmals hatte ich das Gefühl des Dankes,wenn ich Gratias Deo sang, aber ich singe es nicht mehr, ich weiß nicht,wann es geschah, das Danke ist nicht mehr da...” worauf zum Abschlußder Straßenchor pianissimo wispert: “Eine Hälfte des Volkes istertrunken, die andere Hälfte schwimmtin die falscheRichtung.”
“Laßt uns beten”, spricht wieder der Zelebrant, und esfolgt die 2. Meditation.
Der nächste Teil, “Epistel: The Word Of The Lord”, wiederohne Pause folgend, ermahnt einen Jungen, derzum Mann herangewachsen ist,daß er das Wort des Herrn nicht aus der Welt schaffen kann. “Wirerwarten”, singt der Zelebrant, “daß die Zeit des Wortes desHerrn kommt, wir erwarten das Wort des Herrn”. Die “Kyrie”– Motive sind im Gesang gegenwärtig. Der Zelebrant erinnert an dieSchöpfungsgeschichte.
Es melden sich wieder die Zweifler: Die Menschheit hat das, was Gottgeschaffen hat, nicht verstanden und nicht befolgt, hat es so ausgelegt, wieesihr paßt.
Der Prediger ermahnt: “Gott gab uns das Kreuz, wir verwandelten es inein Schwert. Wir nutzen seine Gebote, indem wir taten, was unsgefiel...”
“Und es war gut!”, wird vom Straßenchorherausgebrüllt und sie beginnen wild zu tanzen.
Als zehnter Teil folgt das “Credo”.
“Ich glaube an einen Gott”, spricht der Zelebrant; er wird vomlateinisch intonierten Gebet des Chores unterbrochen, das vom Tonband zuhören ist. Esist unisono gesungen und wird von einer Vielzahl vonSchlaginstrumenten begleitet.
Auf der Bühne folgt dann eine textliche Variation (Baß):“Non Credo, Et Homo Factus Est” – daß der Mensch nichtdas aus sich gemacht hat, was er werden sollte, wie kann also irgendjamand Credosagen?
Vom Tonband kommt der lateinische Messetext “Crucifixus etiam pronobis”, zu Schlagwerkbegleitung; diesen Gesang unterbricht eineMezzosopran-Solostimme, wieder eine Stimme der Klage: “You saidyou’d come again – when – when things got reallyrough?”
Und wieder ertönt Messetext vom Tonband “Sedet ad dexteramPatris”, schließlich wird dieser vom “Chor derStraße” unterbrochen: “Non erit finis” (einstimmig denText und das Motiv vom Tonbandchor aufnehmend) – “Welt ohne Ende– wer sie verlassen hat, wartet auf die nächste Schöpfung...Gott, macht es Dir nichts aus, wenn alles eines Tages endet?”
Die Szene endet nach einem bekräftigenden mehrmaligen“Amen” in einem Rocksolo:
“I believe in one God, but does God believe in me? I believe eachnote I sing, but is it getting through? I believe in F sharp, I believe in G,but does it mean a thing to you or should I change my key? How do you like Aflat? Do you believe in C? Do you believe in anything that has to do with me?Who’ll believe in me?”
Und wieder spricht der Zelebrant: “Letus pray – laßt unsbeten!”, worauf die 3. Meditation folgt, in der ein kanonisch einsetzenderChor “De profundis” singt, sich dann 8-stimmig teilt und zurSchlagwerkbegleitung das “Clamavi” herausschreit. Nachdem dasOrchester das chromatisch aufsteigende Thema im Kanon wiederholt hat, folgt der2.Teil des Gessanges, der ebenfalls in schreiende Deklamation führt. Derletzte Teil des Psalms wird wieder im Kanon gesungen.
Gegen Ende der Szene bringen Chorknabendem Zelebranten dieGefäße zur Kommunion.
Während des “Offertorium” – Gesanges geht derZelebrant ab.
Nach einem vielstimmigen Chorgesang folgt ein“leidenschaftlicher” Tanz um die heiligen “Geräte”,jedoch an dessen Ende kehrt der Zelebrant zurück und der Street –Chorus verläßt die Bühne.
Im 13. Teil singt der Zelebrant das “Vater Unser”, nach dem“Amen” singt er nachdenklich – was mag wohl geschehen, wennalles untergeht? Er wird weiterhin zelebrieren, den kommenden Tag erwarten, wirdGott loben.
Leise verklingt sein “Lauda, Lauda”, das man vom “SimpleSong” her kennt.
Als 14. Nummer folgt “Sanctus”, vom Knabenchor 2-stimmigintoniert; vom lateinischen, christlichen “Sanctus” geht nun derZelebrant in das hebräische “Kadosch” (=Heilig) über.
Der Chor nimmt “Kadosch” auf und fährt in derhebräisch-liturgischen Tradition mit dem “Heilig sei der Herr!”in hebräischer Sprache fort: “Baruch ha – Ba bschemAdonai” – Gesegnet sei, wer da kommt im Namen des Herrn.
“Sanctus!” rufen alle Stimmen auf der Bühne noch einmal,diesem folgt “Agnus Dei” als 15. Teil. “Agnus Dei”singen Solisten des Street-Chorus in Terzharmonien zu elektronischenKlängen, die vom Orchester gespielt werden. Im “Agnus Dei”bemächtigt sich die agressive Blues-Musik des liturgischen Textes, und mitder Forderung “Dona nobis pacem” bringen die Sänger denZelebranten, der ihnen Brot und Wein anbietet, zur Verzweiflung.
Der Zelebrant bemüht sich während des immer weiter gesteigertenSingens von “Dona nobis pacem” vergeblich, die Weihe der Hostiedurchzuführen.
Dem Ruf der Gemeinde nach Frieden schreit er plötzlich entgegen:“PANEM!”
Die Menge ist verwirrt, undin ihr “Dona nobis pacem” hineinsingt ein Solotenor:
“Wir knien nicht, wir beten nicht... Wir wollen einen Frieden, an denwir uns halten können... Gib uns unseren Frieden jetzt und nichtspäter... Wir können das Schweigen des Himmels nicht längerertragen. Wenn wir die Welt, die wir erwünschen, nicht haben können,müssen wir diese in Brand setzen.”
Zu diesen Worten wird der Chorgesang “Dona nobis pacem”wiederholt, und es tritt das“Kyrie” – Tonband vom Beginn derMesse dazu. Der Zelebrant unterbricht mit wildem Schreigesang: “Pacem!Pacem! Pacem!” und schleudert wie von Sinnen die vorher erhobenenSakramente zu Boden. Es folgt betretene Stille, alle fallen nieder.
In der anschließenden Wahnsinnsszene reißt er sich dieliturgischen Kleider vom Leib. Die unterstellte Ohnmacht und Sinnlosigkeit desalten Kultus werden nicht nur szenisch vorgeführt, sondern durch diemusikalische Umsetzung äußerst plastisch und wirksam dargestellt. Bernstein beschreibt diese Szene folgendermaßen: “Auf demHöhepunkt der Kommunion bricht die Zeremonie zusammen und die Messe istzerschmettert. Jedem Individuum auf derBühne bleibt es überlassen,einen neuen Glaubenskeim in sich selbst zu finden.”
Der Zelebrant stammelt verwirrt: “Schaut – ist das nichtmerkwürdig? Roter Wein ist nicht rot, sondern etwas wie braun, braun undblau... Wasstarrt Ihr her? Habt Ihr noch niemals ein Malheurerlebt?”
Er hebt ein zerbrochenes Stück vom Boden auf und wirft es von neuemkrachend hin.
“Seht – Glas scheint heller, wenn es zerbrochen ist! Wie leichtzerbrechen Dinge!”
Er wirkt verwirrter und wilder, und die Musik zeichnet seine Erregung nach.
Doch dann beginnt er zu singen: “Gebt es doch zu, es war Spaß.Ihr wißt, es war aufregend zu sehen, was ich getan habe. Wie alleszerbrochen ist – Ihr habt recht, Brüder und Schwestern – ichwar im Unrecht – ich sang so feierlich “Lauda, Lauda” –man muß stark sein!”
Und er zerbricht Kerzen und andere Gegenstände, wirft sie vom Altarhinunter: “Unser Vater im Himmel, hast Du niemals zuvor ein Malheurmitangesehen?”
Aber dann ändert sich der Ton von Text und Musik: “Stille– Gott ist sehr krank. Seine Stimme ist kaum noch zu hören, seidleise, betet, laßt Gottnicht nochmals sterben. Gott, bleibe beiuns!”
Dann springt er wild auf dem Altar herum und zerreißt, was ihm in dieHände kommt, tanzt wie ein Wahnsinniger, reißt Roben von seinemKörper, wirft sie in die Menge. In immer gesteigertem Wahnsinn wendet ersich an alle Knaben, den Chor usw.: “Worauf warete Ihr? Warum schweigtIhr? Warum habt Ihr aufgehört zu beten? Warum singt Ihr nicht, lästertnicht, schreit nicht, entweiht Ihr nicht?” Er tanzt wie ein Irrer umher,stammelt Teile dieses und jenes Gebetes in allen verschiedenen Sprachen undsinkt geschwächt nieder.
Die Musik klingt in einem leisen sechstönig – dissonanten Akkordaus.
Nach kurzer Pause und Stille folgt der letzt Teil, mit dem Titel:“Pax Communion”.
Es wird eingeleitet vom Spiel einer Solo – Flöte. Das16-taktige, stark chromatische Solo endet mit den drei Noten des“Kyrie”-Motivs. Es ist dieselbe zwölftönige, solistischePartie, die in “Epiphany” von einer Oboe interpretiert über einTonband eingespielt worden war, nun wird sie von einer Querflöte “onstage” vorgetragen. Gegenüber der entpersönlichten, schrillenersten, alten Version ist die zweite, neue persönlich und wohlklingend.
Als “Pax”-Frieden und Versöhnung nimmt die Stimme einesKnaben-Sopransolos das “Einfache Lied” (Simple Song) aus dem 1. Teilder Messe auf. Ein Knabensolist wurde von Bernstein häufig für dieDarstellung der Unschuld verwendet.
Der Text ist geändert; anstatt “Sing God a simple Song”heißt es nun “Sing God a secret Song” – es erklingt ganzleise. Ein Mann vom Street-Chorus stimmt leise in den Lobgesang ein; immer mehrMenschen singen nun “Lauda, Laudate”. Auch das Orchester wird immervollstimmiger, bis ein Fortissimo erreicht wird.
Der Frevler, der den Altar entweiht hat und an seiner eigenen Tatwahnsinnig geworden war, hat sich selbst gerichtet, ist vergessen.
Am Höhepunkt des allgemeinen Lobgesangs erscheint er unauffällig,so einfach gekleidet wie zu Beginn der Handlung, und stimmt mit ein in das“Laudate Deum”, im kanonischen Zwiegesang mit dem Knabensolisten.
Der gesamte Gesang hatte die Form eines Kanons angenommen, der vor demEintritt des Zelebranten durch einen leisen, geflüsterten Zuruf allerChöre “Pax tecum” – Friede sei mit Dir! –unterbrochen wird. Daß den Künstlern eine besondere Rolle zukommt,wird im Friedensgruß deutlich. Sie sind es, die die Botschaft des neuenreligiösen Bewußtseins weitergeben, sie verwenden dafürschließlich sogar die lateinische Sprache, “Laudate Deum”,“Pax tecum”. Mit einem “Gebetchoral” und einem leisenUnisono-Amen schließt das Werk. Es ertönt die Stimme vom Tonband:“The Mass is ended, go in peace!”
Bernstein war es in den Interviews zu “Mass” immer sehr wichtigherauszustellen, daß die Botschaft bei Ausführenden und Zuhörernangekommen sei.
MASS – AUFBAU:
ANDACHT VOR DERMESSE:Kyrie Eleison vom TonbandA simple Song (Zelebrant)Alleluja vom Tonband
2.) ERSTER INTROITUS:
Kyrie, Christe Eleison (Street-Chorus und Marschkapelle)KyrieEleison (Knabenchor + Knabensolo)
Kanon: Dominus vobiscum (Street-Chorus undKnabenchor)
ZWEITER INTROITUS:In nomine Patris (Zelebrant, danach Tonband)Gebet für die Gemeinde (Chor)Choral: “AlmightyFather”
Epiphany (Oboensolo, Zelebrant)
SÜNDENBEKENNTNIS:Confiteor (Chor)Tropus: “I don’t know” (Rocksänger)Tropus: “Easy” (Bluessänger +Rocksänger)
MEDITATION No.1
GLORIA:Gloria tibi (Knabenchor + Zelebrant)Gloria in Excelsis (Chor)Tropus: Half of the people (Street-Chorus)Tropus: Thank you (Sopransolo)
MEDITATION No.2
LESUNG:The word of the Lord (Zelebrant und Street-Chorus liestTexte)
PREDIGT:Gospel: God said (Preacher + Street-Chorus)
CREDO / GLAUBENSBEKENNTNIS:Credo in unum Deum (Tonband)Tropus: Non Credo (Bariton-Solo) Crucifixus etiam pronobis sub (Tonband)
Tropus: Hurry (Mezzosopran-Solo)Sedet ad dexteram Patris(Tonband)
World without end (Mezzosopran-Solo)Et in spiritum Sanctum(Tonband +Improvisationen des Street-Chorus)
e.) Tropus: I believe in God (Tenor-Solo)
MEDITATIONNo.3De Profundis (Chor)
OFFERTORIUM/ GABENBEREITUNG:Expectat anima mea (Knabenchor + Chor)
HOCHGEBET/ THE LORD’S PRAYER:Our father (Zelebrant)Tropus: I go on (Zelebrant)
SANCTUS:Sanctus, Sanctus Dominus (Knabenchor)Mi, Mi, Mi alone (Zelebrant)Kadosh, Kadosh (Chor)
AGNUS DEI:Agnus Dei (Street-Chorus)Agnus Dei (Chor + Zelebrant gesprochen, Tenorsolo, Street-Chorusimprovisiert)
BROTBRECHUNG:Things get broken (Zelebrant)
FRIEDEN/ KOMMUNION:FlötensoloSing God a secret song, Lauda (Knabensolo + Soli des Street-Chorus,später mit Chor)( Knabensolo +Zelebrant)
c.) Almighty Father (Alle!)
DIE WICHTIGSTEN WERKE LEONARD BERNSTEINS:
3 Symphonien: JEREMIAH (für Altstimme und Orchester, 3Sätze)
THE AGE OF ANXIETY ( für Klavier undOrchester)
KADDISH ( für Sopran, Sprecher, Chor,Knabenchor und Orchester; 3 Sätze)
Musicals: ON THE TOWN
WONDERFUL TOWN
WEST SIDE STORY
PENNSYLVANIA AVENUE
Opern: TROUBLE IN TAHITI (1 Akt)
CANDIDE ( zwischen Oper und Operette angesiedelt)
A QUIET PLACE (3 Akte)
Ballettmusik: FANCY FREE (7 Teile)
FACSIMILE
DYBBUK (3 Teile)
CHICHESTER PSALMS (für Chor, Knabensolo und Orchester; 3Teile)
MISSA BREVIS für Acapella-Chor und Schlaginstrumente
Bernsteins kammermusikalische Werke entstanden zumeist anläßlichbesonderer Gelegenheiten: es sind Danksagungen und musikalischeGeschenke.
Deutlich zeigen dies die Anniversaries, kleine Stücke für Klaviersolo, die zu Gendenk- und Jahrestagen erdacht worden sind. Weiters gibtes nochKlavier-, Violinsonaten und Klarinettensonaten.

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